07.07.2017

Ältere Kollegen werden für Firmen wichtig

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der älteren Beschäftigten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bereits stark gestiegen.

Sie haben viele Jahre Berufserfahrung, sind loyal gegenüber ihrer Firma und souverän in Kundengesprächen: Ältere Kollegen sind für viele Unternehmen enorm wichtig.

Auch wenn sie körperlich weniger belastbar sind und ihre Ausbildung lange zurückliegt, müssen sich die Firmen Gedanken machen, wie sie ältere Kollegen länger im Betrieb halten - oder sogar neu anlocken. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte bald rapide zurückgehen - in einigen Branchen ist ein Fachkräftemangel bereits spürbar.

Einige Betriebe haben das Problem erkannt und bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Großteil der Firmen habe jedoch noch Nachholbedarf, sagt Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks, einem Zusammenschluss von Firmen: "Zwei Drittel der Unternehmen müssen noch ganz viel tun für ihren Wandlungs- und Bewusstseinsprozess."

Vor allem große Konzerne wie hätten das "Demografie-Problem" verstanden. Kleinere Firmen und vor allem Handwerksbetriebe hätten mehr Probleme. Hier fehlten oft die Ressourcen - etwa eine planende Personalabteilung: "Das operative Geschäft steht immer im Vordergrund. Der Prozess des Nachdenkens kommt dann meist erst aus der betrieblichen Not heraus - und die ist mittlerweile groß."

Kast sagt: "Konservativ gerechnet verlieren wir 6,5 Millionen Fachkräfte bis 2030 aus der Regelbeschäftigung heraus in die Rente. Das ist die Hälfte der Bevölkerung Baden-Württembergs." Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet: Selbst bei 200 000 Zuwanderern pro Jahr werde 2060 die Zahl der Männer und Frauen im erwerbsfähigen Alter um rund 6,9 Millionen niedriger liegen als heute.

Dabei ist in den vergangenen Jahren die Zahl der älteren Beschäftigten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bereits stark gestiegen.

Inzwischen ist etwa die Hälfte der 55- bis 65-Jährigen noch berufstätig. Auch international gesehen hat Deutschland damit einen großen Sprung gemacht, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC ergab. Die Kultur in deutschen Unternehmen habe sich geändert, sagt PwC-Geschäftsführerin Petra Raspels. Ältere Arbeitnehmer würden zunehmend wertgeschätzt. Zudem hätten die Hartz-Reformen Druck auf Ältere ausgeübt, da ihr Bezugsanspruch auf Arbeitslosengeld gesunken sei. Auch die historisch gute Lage am Arbeitsmarkt dürfte älteren Arbeitnehmern geholfen haben.

Statt des aktuellsten Fachwissens hätten ältere Mitarbeiter "Erfahrungswissen", sagt Kast. "Sie wissen um Prozesse und Abläufe in Unternehmen. Sie wissen, an welchen Strukturen muss ich andocken, um Projekte zum Erfolg zu bringen." Der Gesetzgeber habe seinen Teil mit Einführung der Flexi-Rente getan. Nun seien die Arbeitgeber gefordert, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass es Älteren Freude mache, länger zu arbeiten. Eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Flexibilität spielten hier eine große Rolle. Die Möglichkeiten reichen von Altersteilzeit über Homeoffice bis zu Sportangeboten.

Die Deutsche Bahn etwa hat vor vier Jahren einen "Demografie-Tarifvertrag" geschaffen. Ältere Kollegen mit besonders belastenden Tätigkeiten können ihre Arbeitszeit beispielsweise auf 81 Prozent verringern. Ihr Gehalt wird aber vom Arbeitgeber auf 90 Prozent aufgestockt. Das Modell ist laut der Bahn extrem erfolgreich: Seit Ende 2015 habe sich die Zahl der Mitarbeiter, die die besondere Teilzeit im Alter nutzen, verdreifacht - von 504 auf 1500.

Auch kleinere Arbeitgeber lassen sich inzwischen einiges einfallen, um im Wettbewerb um Arbeitskräfte attraktiv zu sein. Der Antriebshersteller Bühler Motor mit Hauptsitz in Nürnberg etwa hat für alle Mitarbeiter höhenverstellbare Arbeitstisch angeschafft und große Computerbildschirme. Und auf langen Flügen werden stets Sitze mit etwas mehr Beinfreiheit gebucht, wie Geschäftsführer Peter Muhr berichtet. Oft gehe es bei Verbesserungen nur um Kleinigkeiten. "In der Fertigung wurden für die einzelnen Arbeitsplätze Übungen entwickelt, die die Kollegen während der Arbeit machen können."

Und der Autozulieferer ZF am Standort Schweinfurt hat sich in einem Projekt um eine altersgerechte Arbeitsgestaltung in Montage und Logistik bemüht. Es wurde zudem ein System entwickelt, das die ergonomische Belastung an allen Arbeitsplätzen erfasst und dem Werksarzt zeigt. Daten zu Fehlzeiten, Altersstruktur und Mehrarbeit werden erfasst und Führungskräften sowie Betriebsrat zur Verfügung gestellt.

Quelle: SZ vom 30.06.2017